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Geschichte

Das Foto zeigt einen Blick ins Wispertal vor der Bebauung mit der Kaserne und der Wohnsidlung Ranselberg
Foto: Archiv FlaRgt 5

Von der Bundeswehr-Siedlung zum Lorcher Stadtteil „Ranselberg“                            

 

Vorgeschichte

 

Die wirtschaftlichen Verhältnisse in Lorch hatten sich ab 1950 ständig verschlechtert, so dass ca. 500 Personen als Pendler auswärts Geld verdienen mussten. Dies veranlasste den Bürgermeister, Karl Hofmann, ab 1957 Gespräche mit zuständigen Stellen zu führen, um zu erreichen, dass Lorch auch bei der Stationierung von Streitkräften der Bundeswehr  berücksichtigt wird.

Bei den Gesprächen waren folgende Erwägungen mit ausschlaggebend:

- Baugelände für Kaserne auf dem Wiesengrund "Retzigwiese", zwischen dem ostwärtigen Ortsende und dem Greterstal

- Baugelände für Depotanlagen auf und im Ranselberg, sowie im Ranseler Wald

- Übungsgelände auf dem Weiselberg

- Baugelände für Wohnungen im Ortsbereich auf der Lohwiese

- wirtschaftliche Entwicklung und andere Vorteile für die Stadt

 

Nach umfangreichen Bemühungen berichtete Bürgermeister Hofmann am 11.05.1959 bei einer öffentlichen Stadtverordnetensitzung:

Die Besichtigung des vorgesehenen Geländes hat ergeben, dass sich dieses für die Land- und Forstwirtschaft nur bedingt eignet, jedoch für die militärische Nutzung ausreicht.

Die Baumaßnahmen werden so erfolgen, dass keine Gefahr für die Bevölkerung entsteht und der Fremdenverkehr nicht gestört wird.

H. schloss seine Ausführungen mit dem Hinweis, dass die Stadt finanziell nicht belastet wird

und dass sich eine Garnison nur vorteilhaft für Lorch auswirken könnte. Er wolle nicht goldene

Berge versprechen, jedoch sei abzusehen, dass viel Geld nach Lorch fließen werde.

Der Magistrat war einstimmig für die Stationierung und die Stadtverordneten schlossen sich mit 9 Stimmen an, 3 Stimmen waren dagegen. Aufgrund dieses Beschlusses konnten alle weiteren Maßnahmen in die Wege geleitet werden.

 

Die militärischen Planungen sahen folgende Maßnahmen vor:

- Kasernenanlage mit Selbstschutzbunker auf der Retzigwiese und im Berghang unter den Buchener Wiesen

- Übungsplatz mit Schießstand auf dem Weiselberg

- Munitionsbehelfslager im Ranseler Wald, spätere Unterbringung im Berg Hexit und Linesitt

- Heeresmischdepot für Gerät, Verpflegung und Bekleidung im Tiefenbachtal

- Teildepot für Kraftstoffe (POL) unter dem Mückenberg mit LKW-Ladestelle im Tiefenbachtal

- Sanitätsdepot unter dem Tiefenbacher Hang, gegenüber der Ruine Waldeck

- Wohnungsbau auf dem Ranselberg anstatt auf der Lohwiese

Anmerkung: Diese Planungen wurden teilweise nicht so verwirklicht.

 

Entwicklung

 

Bauleitung

Im Jahr 1960 wurde die Bauleitung, eine Außenstelle der Hessischen Staatsbauverwaltung, in Lorch in einer Baracke neben dem Gasthaus „Zur guten Quelle“ am Fuße des Ransel-berges eingerichtet.

Diese Dienststelle war für die Planung und Ausführung aller Baumaßnahmen der Bundes-

wehr sowie für die Unterhaltung aller fertig gestellten Bauwerke des Standortes Lorch

zuständig.

 

Standortverwaltung

Die Bundeswehrverwaltung war in der Garnison Lorch ab  1. Mai 1965 durch eine Standort-verwaltung vertreten. Diese wurde zuerst in Ransel untergebracht, ab September 1969 in einem Mehrfamilienhaus auf dem Ranselberg und ab Dezember 1971, nach dem Ausbau einer ehemaligen Mühle und einem Neubau, in der Lorcher Wisperstraße, bis zur Auflösung im Jahr 1996.

Die Standortverwaltung war u.a. auch zuständig für die Auswahl der Mieter, in Zusammenarbeit mit der Baufirma, für Einfamilienhäuser und der Wohnungen in den Mehrfamilienhäusern; später dem Verkauf an Bundesbedienstete.

Erste Flaggenparade in der Rheingaukaserne. Im Hintergrund die Wohnsiedlung Ranselberg noch in der Bauphase
Foto: Archiv FlaRgt 5

Ortsteil Lorch-Ranselberg

Abweichend von der Planung, auf der Lohwiese 70 Wohnungen für die Soldatenfamilien zu errichten, wurde auf 5,6 ha Landwirtschaftsfläche des Ranselberges durch die Firma Müller aus Gönnern mit Bundesdarlehensmitteln von 1964 bis 1967 gebaut.

Zunächst wurde eine Zufahrtsstraße von der L 3397 zum Ranselberg und dort drei weitere Straßen, alle mit Bürgersteig, und Treppenwege, gebaut. Zusätzlich, auf Drängen aller Anwohner, ist ein Weg für Fußgänger (heutiger „Schwarzer Weg“) vom Ende der Hilchenstraße zur L 3397 errichtet worden, um dadurch einen 1000m langen Umweg zu vermeiden. 

Im ersten Bauabschnitt wurden 63 Wohnungen in Mehr- und Einfamilienhäusern errichtet, in denen im Dezember 1965 die ersten 50 Familien eingezogen sind. Dazu kamen: Lebensmittelgeschäft (1964 – 1985), Garagen, Heizwerk, Strom-, Wasser-, Telefon- und Kabelfernseh-Anlagen.

In zwei weiteren Bauabschnitten kamen noch 130 Wohnungen dazu, die bis Ende 1967 bezugsfertig waren. Insgesamt standen 15 Mehrfamilienhäuser mit 126 Zwei-  bis Fünf-Zimmerwohnungen und 72 Einfamilienhäuser mit 80 – 100 qm Wohnfläche zur Verfügung. Gleichzeitig wurde in Verbindung mit einem Garagenkomplex ein Bürgerraum geschaffen.

Nach 1993 stockten drei EFH-Besitzer auf und ein Zweifamilienhaus wurde in der Hilchenstraße neu gebaut.

 

1968 wohnten ca. 600 Personen, d.h. Bundesbedienstete (Soldaten und zivile Mitarbeiter) mit ihren  Angehörigen in den Häuser und erhöhten dadurch die Einwohnerzahl von Lorch auf 5200, die sich bis ins Jahr 2000 auf 4300 reduzierte.

Am 31.12.2017 wohnten in Lorch und seinen fünf Ortsteilen 4277 Personen, davon ca. 10%

ausländische Bürger. Im Ortsteil Ranselberg wohnten 451 Personen, davon 164 auslän-dische Mitbürger im Alter  von: bis 17 Jahre 70, 18 – 59 Jahre 280 und ab 60 Jahre 101.  Noch ca.150 ehemalige Soldaten/zivile Bundeswehrangehörige bzw. deren Kinder sind immer noch ansässig.

Der Ranselberg in der Bauphase, Abschnitt Bungalows im unteren Teil der Hilchenstraße
Foto: Archiv FlaRgt 5

 

1975 wurde unter Evangelischer Trägerschaft ein Kindergarten gebaut, mit 35 Plätzen als Kindertagesstättenbetrieb „Am Zauberwald“,  da die Kapazität im Katholischen Lorcher Kindergarten „St. Nikolaus“ nicht mehr reichte.

Die Verringerung der Anzahl der Kinder ab 2010 in Lorch und seinen fünf Ortsteilen hat dazu geführt, dass der Kindergarten in Lorch-Ransel, Lorch-Espenschied und auch zum 31.07.2018  der auf dem Ranselberg geschlossen wurde. An der Erhaltung und Nutzung des Gebäudes war die Stadt interessiert und hat dieses ab 01.08.2018 gemietet, mit dem Ziel es zu kaufen.

Anmerkung: Unter der Leitung der AWO ist ein Kita-Betrieb für weitere drei Jahre aufgenommen worden.

 

Von 1965 bis Ende 1990 stellte die Bundeswehr einen Bus zur Personenbeförderung (gegen Entgelt) für Fahrten nach Lorch zur Verfügung, um Kinder zum Kindergarten, zur Schule oder zum Bahnhof, sowie sonntags zur Kirche zu bringen. Auch Erwachsene durften diesen Bus nutzen. Danach erfolgte eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr mit Linien- und Rufbussen für die ein Wendeplatz gebaut wurde.

 

Von 1986 bis 2015 erfolgte die örtliche, politische Beteiligung durch einen Ortsbeirat. 

Bei den Kommunalwahlen am 06.03.2016 stellten sich keine Personen zur Verfügung.

Zwei ehemalige Angehörige des FlaRgt 5,  seit Jahren am Ranselberg wohnend, sind  Stadtverordnete und kümmern sich nun um die „Dorfentwicklung Ranselberg“.

Die Einbindung von Interessenten, die am Ranselberg wohnen und helfen, führten zur Verbesserung des Erscheinungsbildes. Einzelheiten siehe: www.Lorch am Rhein.de/Ortsteil Ranselberg.

Eine Luftaufnahme der Wohnsidlung Ranselberg
Foto: Ulrike Griebel

 

1991 wurde die Truppenreduzierung und dir damit verbundenen Standortschließungen durch das Verteidigungsministerium bekanntgegeben. Auch der Bundeswehr-Standort Lorch war betroffen.

1993 wurde das Flugabwehrregiment 5, 1996 die Standortverwaltung, 2007 das

Sanitätshauptdepot Lorch-Rheingau und 2008 das Gerätehauptdepot Lorch-Wispertal mit Munitionslager Ransel und Linnesit aufgelöst  Die Auswirkungen für Lorch waren erheblich und wirkten sich in vielen Bereichen aus.

 

Anmerkung: Aus der Kasernenanlage wurde der Gewerbepark „Wispertal“. Ein Gedenkstein an der Zufahrt zu diesem erinnert an die ehemalige Rheingau-Kaserne. Die Gebäude der Standortverwaltung kaufte die Stadt Lorch; Nutzung durch Ärzte, Gesundheitsdienste,

Vereine und städtischer Bauhof. Die drei Depots sind noch nicht vermarktet.

 

1992 meldete die Firma Müller Insolvenz an und bot in Zusammenarbeit mit der Standortverwaltung die Einfamilienhäuser mit Grund und Boden, sowie dazu gehörige Garagen  zum Kauf durch die derzeitigen Mieter (Bw-Angehörige) an. Die Verkäufe wurden bis Ende 1993 abgewickelt. Die Verwaltung/Vermietung der Mehrfamilienhäuser wurde der Treuverwaltung in Krefeld übertragen.

1994 wurden auch die einzelnen Wohnungen in den Mehrfamilienhäusern zum Kauf durch die Treuverwaltung Krefeld, angeboten, die bis heute, einzelne, nicht verkaufte Wohnungen vermietet. Sie erledigt für alle Besitzer/Mieter die anfallenden Verwaltungsarbeiten.

In den MFH entwickelten sich Hausgemeinschaften mit einem „Hausmeister“, der auf die für alle geltenden Anordnungen achtet und das Grundstück pflegt.

Die Bebauung des Ranselberges ist abgeschlossen. Gesamtbild der Siedlung von der Wisperstraße aus.
Foto: Archiv FlaRgt 5

 

Am  01.07.1998 kaufte die Main-Kraftwerke (MKW), spätere SÜWAG, das Heizungshaus von der Firma Müller. Betrieben wurde es mit Koks und Öl, später mit Gas, mit dem Wasser erhitzt und in einem Fernwärmenetz in die Häuser/Wohnungen bis 31.12.2014  transportiert wurde.

 

Anmerkung: Seit 2015 steht das Heizungshaus leer, bis auf einen Raum, den die Fußball-Freizeitmannschaft „Ranselberg“ angemietet hat. Die Stadt erwägt den Ankauf dieses Gebäudes um es zu Wohnungen umzubauen. Auch ein Abriss kommt in Betracht, um Parkplätze zu schaffen.

 

Seit Bezug der Wohnungen (1965) war der Betrieb, die Nutzung, Abrechnung usw. der Heizung durch die Firma Müller unbefriedigend. Auch nach der Übernahme durch die MKW/SÜWAG hatte sich die Situation nicht viel gebessert. Im Laufe der Jahre kam hinzu, dass ein erhöhter Wärme- und Wasserverlust durch schadhafte und teils ungedämmte Erdleitungen während des Betriebes entstand. Die Kosten

dafür wurden auf die Mieter umgelegt.

 

Ab 2010  wurde von der SÜWAG geplant, eine bessere, zufriedenstellende Wärme-versorgung und gerechte Kostenermittlung-/verteilung durch ein teilweise neues Wärme-netz, mit Verlagerung der Verantwortung ab Wärmeübergabestationen (kein Haus-anschluss) an die Nutzer zu erreichen. Dieses Vorhaben fand keine mehrheitliche Zustimmung bei den Haus-/ Wohnungsbesitzern. 

Im Mai 2014 machte die Tochterfirma SYNA ein Angebot, bis zu jedem Haus, zu einem einheitlichen Festpreis, eine neue Gasleitung mit einen Gas-Hausanschluss zu bauen. Dieses Angebot wurde von fast allen Hausbesitzern und der Treuverwaltung angenommen. Einzelne Hausbesitzer zogen eine alternative Wärmeversorgung  in eigener Zuständigkeit vor. Der Bau der Gasleitung mit Hausanschluss erfolgte verzugslos und auch die Installation der hausinternen Heizungsanlage bis Ende 2015

 

Anmerkung

Die erste Versammlung der MKW, später SÜWAG, mit den Einfamilienhausbesitzern am 27.01.1999 mit  Informationen über die zukünftige Wärme- und Breitband-Versorgung hatte zur Folge, dass für die Zusammenarbeit mit der MKW ein Gremium erforderlich ist, das die Meinung der Hausbesitzer koordiniert und gegenüber der MKW/SÜWAG vertritt, in Zusammenarbeit mit der Treuverwaltung und anderen Hausverwaltern.

Am 23.02.1999 wurde bei einer Versammlung der EFHB mehrheitlich beschlossen ein Gremium (fünf Personen) zu wählen. Das Gremium wählte als Sprecher Peter Griebel, der seit 1966 am Ranselberg wohnt.

Das Gremium, in unterschiedlicher Zusammensetzung, bestand bis 19.02.2016. Es setzte sich für die Belange, die alle Wärmenutzer betrafen ein und war ständig bemüht bald-möglichst eine kostengünstige Gasversorgung durch einen Hausanschluss zu erreichen, um dadurch selbstverantwortlich die Heizkosten zu regeln. was letztlich auch gelungen ist

 

Autor
Peter Griebel, Hauptmann a.D., wohnt seit September 1965 im Lorch, ab Oktober 1966 im Stadtteil Ranselberg..